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Der
Berliner Spätexpressionist Walter Gramatté (1897-1929)
hat trotz einer nur kurzen Schaffensperiode von 12 Jahren ein umfangreiches
und dichtes Werk hinterlassen. Seine Kunst ist besonders von der
Zeit der Nachkriegsära geprägt und bezieht die verschiedenen
künstlerischen Strömungen und stilistischen Mittel dieser
Epoche ein. In diversen Bildthemen greift der Künstler die
psychischen und physischen Verletzungen seiner Generation auf.
Ein wichtiges Motiv für Gramatté ist das Selbstportrait,
das sich in vielen seiner druckgraphischen Arbeiten finden lässt
und ihm als Medium der Entladung seiner seelischen Spannungen dient.
In den über 200 Selbstportraits spiegeln sich die marternde
Erforschung der eigenen Person, ihr Ausdruck und die schmerzliche
Selbstbefragung als Sinnbild einer ständigen Suche nach dem
Selbst.
Die Lithographien "Selbstbildnis mit Häusern" von
1923 zeigen als Folge von 22 Blättern diese Suche in all ihrer
künstlerischen Ausdruckskraft. Wie in den meisten Selbstportraits
erscheint in dieser Serie das Selbstbildnis in extremer Nahansicht,
als Brustbild, mit leicht ins Profil gewandtem Kopf und unnatürlich
schmalen Schultern. Die sich im Hintergrund erstreckende Häuserlandschaft
scheint weit entrückt. Portrait und Umgebung passen nicht zueinander.
Die Fremdheit des Individuums in der Welt wird sichtbar.
Walter Gramattés Druckgraphik ist nicht von seinem Privatleben
zu trennen. Die vielen Widmungen auf den Blättern zeigen wie
persönlich dieser Schaffensprozess für ihn ist. So ist
auch "Selbstbildnis mit Häusern" für die Lage
des Künstlers im Jahre 1923 symptomatisch. Geldnot, ein schlechter
Gesundheitszustand (der ihn zwingt nach und nach die Druckgraphik
aufzugeben) und ständige Wohnungssuche gehören zu seinem
Alltag. Oft muss er bei Freunden übernachten, um ein Dach über
dem Kopf zu haben. Sein Hamburger Freundeskreis gewährt ihm
immer wieder den so dringend benötigten Unterschlupf.
So mag "Selbstbildnis mit Häusern", das den Künstler
in Hamburg zeigen soll, nicht nur als Suche nach dem eigenen Ich,
sondern auch als Suche nach einem Platz in der Welt verstanden werden.
Aufgrund der Wohnungsnot verlässt das Ehepaar Gramatté
ein Jahr nach Entstehen der Lithographie-Serie Deutschland und lässt
sich in Spanien nieder. Aus Sehnsucht nach den Freunden kehrt das
Paar aber schon 1926 zurück. Das Spätwerk Gramattés
wirkt vor allem durch den Einfluss Spaniens ruhiger und heller,
die Landschaft tritt in den Vordergrund. Jetzt erst entstehen seine
graphischen Hauptwerke, die Illustrationen zu "Lenz" (1924)
und Wozzek" (1925). Dennoch beschäftigt sich Grammatté
bis zu seinem frühen Tod 1929 immer wieder mit dem Selbstbildnis.
Es bleibt eines seiner Hauptthemen.
Die für das Werk des Künstlers so typische Lithographie-Serie
"Selbstbildnis mit Häusern" wird in der Kunststiftung
Poll erstmals vollständig ausgestellt.
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